Herrn
Ministerpräsidenten Roland Koch
Bierstadter Str. 2
65189 Wiesbaden
Massive Versuche der türkischen Regierung,
Lehrinhalte an deutschen Universitäten und Schulen zu beeinflussen
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
über die massiven Versuche der türkischen
Regierung, Lehrinhalte an deutschen Universitäten und Schulen zu
beeinflussen, sind der BDB und seine Mitglieder äußerst beunruhigt.
In Brandenburg intervenierte der türkische
Generalkonsul gegen die Aufnahme des Genozids an den Armeniern,
dessen Anprangerung in der Türkei mit Haftstrafen bedroht wird, in
den Lehrplan für Schulen. In Bayern erteilen seit Jahren Angehörige
der staatlichen Türkischen Anstalt für Religionsangelegenheiten (Diyanet)
einen nationalistischen, den kriegerischen Religionsgründer Mohammed
verherrlichenden Unterricht insbesondere an Hauptschulen. DITIB, die
vom Diyanet abhängig ist, sitzt im Beirat des Münsteraner
Lehrstuhls für Religion des Islam.
Die Frankfurter Goethe-Universität hat, wie die
FAZ berichtet, einen Vertrag mit dem Diyanet für einen Studiengang
„Islamische Religionswissenschaft“ geschlossen, der auch die
Finanzierung der beiden Professuren umfaßt. – Dazu möchte ich Sie
fragen: Warum betreibt die Goethe-Universität nicht eine unabhängige
Islam-forschung, anstatt sich von Hüseyin Kurt von der Frankfurter
DITIB-Gemeinde einen Vertrag mit dem Diyanet, d.h. der türkischen
Regierung, „vermitteln“ zu lassen? Ist Hessen nicht in der Lage,
einen Studiengang Islam an der Goethe-Universität selbst zu
finanzieren?
Es ist Ihnen, sehr geehrter Herr
Ministerpräsident, sicher bekannt, daß das Diyanet mit ca. 120.000
staatlich besoldeten Mitarbeitern den sunnitischen Mehrheitsislam
gleichsam als Staatsreligion verwaltet und finanziert. Das
EU-Parlament hat zu dem Pseudo-Laizismus der Türkei festgestellt
(Dokument A5-0204/2004), die türkische Interpretation des säkularen
Staats entspreche nicht der Auffassung der EU. Es handle sich
vielmehr um eine Kontrolle des Staates über die Hauptkonfession und
eine Diskriminierung der anderen Konfessionen. Christen und
nicht-sunnitische Muslime werden deutlich benachteiligt. In der
Türkei gibt es demnach weder Religionsfreiheit noch eine Trennung
von Staat und Religion.
Vor diesem Hintergrund ist zu befürchten, daß
die Darstellung des Islam in dem Studiengang „Islamische
Religionswissenschaft“ objektiv wissenschaftlichen Kriterien nicht
entsprechen wird. Professor Köktas und der zweite, noch zu
ernennende Professor stehen letztlich in einem
Abhängigkeitsverhältnis von der türkischen Regierung und werden
aller Voraussicht nach nicht die volle Freiheit von Forschung und
Lehre beanspruchen können. Vielmehr erwarten wir, ähnlich wie Frau
Professor Spuler-Stegemann und Dr. Raddatz, daß die türkische
Regierung, die vehement in die Europäische Union drängt, den
Studiengang für ihre politischen Zwecke instrumentalisieren wird.
Es ist für den BDB unbegreiflich, daß unter
Ihrer Regierung das hessische Wissenschaftsministerium den Vertrag
zwischen der Goethe-Universität und dem Diyanet genehmigt hat.
Vermutlich hat das Diyanet mit „Taqiya“ (gemäß dem Koran erlaubte
Täuschungsstrategie) etwaige Bedenken des in der Universität
zuständigen Evangelischen Fachbereichs ausgeräumt. Laut FAZ sind
Sie, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, „sich sicher, daß die
Universität die nötigen Vorkehrungen getroffen hat“. An der
Wirksamkeit dieser „Vorkehrungen“ haben wir erhebliche Zweifel, denn
die geradezu fahrlässige Toleranz evangelischer Theologen im Dialog
mit dem Islam ist bekannt. Unabdingbare Voraussetzung wäre die
Gewährung voller Religionsfreiheit in der Türkei gemäß
EU-Rechtsstandards, doch das ist nicht zu erwarten.
Mit der
Bitte um Ihre Stellungnahme und freundlichen Grüßen
Bundesvorstand des BDB